Geschichte & Kultur

Die wahre Geschichte der Pizza Margherita: Mythos oder Marketing?

Die berühmteste Pizza der Welt trägt den Namen einer italienischen Königin – soweit die Legende. Doch Historiker haben längst bewiesen: Die schöne Geschichte ist frei erfunden. Ein Blick hinter die Kulissen eines der größten Food-Mythen unserer Zeit.

Geschichte & Kultur  |  Lesezeit: ca. 5 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Stell dir vor, es ist 1889 und du bist Pizzabäcker in Neapel. Plötzlich bekommst du den Auftrag deines Lebens: Die italienische Königin Margherita macht einen Besuch in der Stadt und möchte Pizza probieren. Was machst du? Genau – du kreierst eine ganz besondere Pizza mit den Farben der italienischen Flagge: Rot wie die Tomaten, Weiß wie der Mozzarella und Grün wie das Basilikum. Die Königin ist begeistert, und voilà – die Pizza Margherita ist geboren.

So schön diese Geschichte auch klingt, sie ist leider ziemlich wackelig. Tatsächlich haben Historiker längst nachgewiesen, dass vieles an diesem Märchen nicht stimmt. Raffaele Esposito, der angebliche Erfinder, war wohl eher ein geschickter Geschäftsmann als ein innovativer Koch.

Was wirklich passiert ist – die nüchterne Wahrheit

Die Legende um die Pizza Margherita ist mittlerweile von Historikern widerlegt worden. Die Königin ließ sich bereits vorher von anderen Pizzabäckern Pizza in den Palast bringen. Esposito war also nicht der erste, der für die königliche Familie Pizza zubereitete. Was ihn von anderen unterschied? Er war pfiffig genug, sich eine schriftliche Bestätigung geben zu lassen.

Esposito war lediglich der einzige, der die Empfangsbestätigung des Hofes aufbewahrt hatte. Diese Quittung wurde später zum "Beweis" für seine angeblich exklusive Rolle bei der Entstehung der Pizza Margherita. Clever, nicht wahr? Man könnte fast sagen: ein früher Fall von erfolgreichem Food-Marketing.

Der Mythen-Detektiv: Alberto Grandi deckt auf

Richtig spannend wird es, wenn man den italienischen Historiker Alberto Grandi zu Wort kommen lässt. Der Mann ist so etwas wie der Sherlock Holmes der italienischen Küchenmythen. Grandi hat herausgefunden, dass viele Mythen um italienische Traditionsgerichte frei erfunden sind. Sein Fazit ist knallhart: Die italienische Küche, wie wir sie heute kennen, sei nichts anderes als geschicktes Marketing.

Besonders pikant ist Grandis These zur Pizza Margherita: Erst italienische Auswanderer in den USA gaben Mozzarella und Tomatensauce auf die Pizza. Das würde bedeuten, dass die angeblich so traditionelle neapolitanische Pizza eigentlich ein amerikanisches Reimport-Produkt ist. Ziemlich ironisch, oder?

Warum entstehen solche Geschichten überhaupt?

Aber mal im Ernst – warum erzählen sich Menschen solche Geschichten? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Wir lieben romantische Ursprungslegenden. Eine Pizza, die für eine Königin erfunden wurde, verkauft sich nun mal besser als eine, die einfach irgendwann entstanden ist, weil jemand zufällig Tomaten und Käse auf Teig gelegt hat.

Außerdem war das 19. Jahrhundert eine Zeit des Nationalstolzes in Italien. Das Land war gerade erst vereint worden, und man suchte nach Symbolen der gemeinsamen Identität. Was könnte da besser passen als eine Pizza in den Nationalfarben? Die Geschichte der Pizza Margherita wurde so zu einem Teil der italienischen Identitätsbildung – auch wenn sie historisch nicht haltbar ist.

Die Pizza vor der Margherita – eine längere Geschichte

Dabei ist die echte Geschichte der Pizza mindestens genauso faszinierend. Schon lange vor 1889 aßen die Neapolitaner Fladenbrot mit verschiedenen Belägen. Tomaten kamen erst im 18. Jahrhundert dazu – und das auch nur zögerlich, weil viele Menschen die roten Früchte für giftig hielten.

Die ersten Pizzen sahen ganz anders aus als heute. Oft waren sie mit Knoblauch, Öl und Sardellen belegt. Manchmal kam auch weißer Käse dazu, aber nicht der Mozzarella, den wir heute kennen. Der wurde erst später populär und war für die einfachen Leute oft zu teuer.

Marketing-Genius oder historischer Zufall?

Raffaele Esposito mag zwar nicht der Erfinder der Pizza Margherita gewesen sein, aber er hatte definitiv ein Gespür für Publicity. Die Idee, seine Pizza nach der Königin zu benennen und die Farben der italienischen Flagge zu verwenden, war marketingtechnisch genial – egal, ob geplant oder zufällig.

Man muss sich vorstellen: Neapel war Ende des 19. Jahrhunderts eine arme Stadt. Pizza galt als Essen der Unterschicht, etwas, das man auf der Straße kaufte und mit den Händen aß. Durch die Verbindung zur Königin wurde aus dem "Arme-Leute-Essen" plötzlich etwas Respektables. Ein brillanter Image-Wandel.

Was bleibt von der Geschichte?

Heißt das nun, dass wir unsere Pizza Margherita weniger schätzen sollten? Keineswegs! Gute Geschichten haben ihre eigene Wahrheit. Die Pizza Margherita ist und bleibt ein Meisterwerk der Einfachheit – drei Zutaten, perfekt aufeinander abgestimmt, ein Geschmackserlebnis, das Millionen von Menschen auf der ganzen Welt begeistert.

Vielleicht ist es sogar besser so. Statt einer elitären Königinnen-Geschichte haben wir eine Pizza, die wirklich dem Volk gehört. Sie entstand nicht in einem Moment königlicher Inspiration, sondern durch die Kreativität und das Experimentieren von Generationen von Pizzabäckern.

Die moderne Pizza Margherita – ein lebendiges Erbe

Heute ist die Pizza Margherita UNESCO-Weltkulturerbe – nicht wegen ihrer königlichen Herkunft, sondern wegen ihrer kulturellen Bedeutung. In Neapel gibt es strenge Regeln dafür, wie eine echte Pizza Margherita zubereitet werden muss: Der Teig darf nur aus Mehl, Wasser, Salz und Hefe bestehen. Die Tomaten müssen San Marzano sein, der Mozzarella aus Büffelmilch.

Diese Regeln haben nichts mit Snobismus zu tun, sondern mit Respekt vor dem Handwerk. Eine gute Pizza Margherita ist nicht einfach zu machen. Der Teig muss perfekt sein, die Zutaten von bester Qualität, und der Ofen muss die richtige Hitze haben. Das alles braucht Zeit, Erfahrung und Leidenschaft.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Nach oben scrollen